“Für die Kaskadennutzung, nicht gegen die Holzenergie” — Antwort an German Pellets

Die von der holzverarbeitenden Industrie und nun auch vom Umweltbundesamt geforderte Kaskadennutzung und die Anmahnung fairer Wettbewerbsbedingungen treffen offensichtlich empfindlich den Nerv der Bioenergiebranche. Einige Vertreter dieser Branche sehen sich durch die offene Diskussion sogar als „Sündenböcke“ gebrandmarkt.

Der VHI nimmt eine Presseinformation von German Pellets (verfasst als Kommentar von Einkaufsleiter Christian Kuntze, 30.11.2010: PI_German Pellets_Kommentar-Kuntze-11-2010 ) zum Anlass, um Missverständnisse in der fachlichen Diskussion endgültig auszuräumen: Die holzverarbeitende Industrie will nichts anderes erreichen, als gleiche Marktchancen und Förderbedingungen zwischen energetischer und stofflicher Holznutzung in Deutschland und eine Trendwende hin zu einer sinnvollen und nachhaltigen Ressourcennutzung bewirken: zur Kaskadennutzung. Ihre Initiative ist nicht per se gegen die Holzenergie gerichtet!

Nur die Kaskadennutzung ist wirklich nachhaltig effektiv

Auch wenn nachwachsend, ist Biomasse eine begrenzt vorhandene (ökonomisch formuliert „knappe“) Ressource. Daher sollten nachwachsende Rohstoffe wie zum Beispiel Holz zunächst stofflich - also zur Herstellung von Produkten - genutzt werden. Das Prinzip der Kaskadennutzung ist so einfach wie wirkungsvoll: Erst nach einer Mehrfachnutzung werden die Holzschrotte und Reststoffe für die Gewinnung  von Strom, Wärme oder Kraftstoff eingesetzt.

Erst stofflich, dann aber gern energetisch.

Erst stofflich, dann aber gern energetisch.

Holz kann zuerst stofflich in Form von Möbeln sowie Dekomaterialien oder Bauholz verarbeitet werden, mithin im Sinne der Nutzungskaskade als Ausgangsmaterial für die Holz(werkstoff)industrie Verwendung finden. Am Ende dieser Erstverwendung und nach möglichst weiteren Nutzungen in Recyclingprodukten kann Holz immer, ohne jede Nachteile, vollumfänglich energetisch genutzt werden.

Vergessen wir nicht: Das Holz, das unsere Wälder schonend für die Nutzung beim Bauen und Wohnen, für das  Leben der Menschen bereitstellen, dient – so lange es wächst und so lange es nach der Ernte stofflich genutzt wird -  als CO2-Speicher. Die stoffliche Nutzung (und nur die stoffliche Nutzung!) macht die Forst-Holz-Kette zur Klimasenke. Die Klimaschutzeffekte der stofflichen Nutzung sprechen eine deutliche Sprache: Holzprodukte speichern dauerhaft 1,28 Mrd. t CO2, während die CO2-Einsparung durch flüssige und feste Bioenergie bei gerade einmal 57 Mio. t liegt. Weitere 1,56 Mrd. t CO2 ließen sich in Deutschland speichern, wenn Holzprodukte Alternativprodukte aus klimabelastenden Materialien ersetzen würde. Mit anderen Worten: mit bspw. Laminat schützen wir das Klima effektiver als mit der Biomasseverbrennung!

Keine Panikmache: Die Deckungslücke ist real

Die Sorge um eine sichere Versorgung mit dem wichtigen Rohstoff Holz in Deutschland ist gut begründet und keineswegs „Panikmache“. Die Fakten sind Aktenlage und werden weithin publiziert, niemand kann Nichtwissen vorschieben: „Beim Nadelholz droht eine eklatante Versorgungslücke“ (Holz-Zentralblatt vom 26.11.2010). Die FAO (Food and Agriculture Organization der UN) prognostiziert für Deutschland eine mögliche Deckungslücke bis 2020 von 30 Mio. m3, für ganz Europa von 430 Mio. m3. Die für Energie und Wirtschaft in Deutschland benötigten Holzvorräte sind deshalb auch nicht so einfach im europäischen Ausland zu kompensieren wie der Kommentar von Christian Kuntze, Leiter Holzeinkauf bei German Pellets,  es nahe legt. Ein verstärkter Bezug von Holz aus Übersee scheidet aus ökologischen und sozial-ökonomischen Gründen ebenso aus.

Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, aber schon vor der gegenwärtigen Marktnachfrage wurde der Holzzuwachs im Wald nach Angaben des BMELV und des Johann Heinrich von Thünen-Instituts in ihrer Waldinventurstudie 2008 fast vollständig genutzt. In den Staatswäldern sogar vollständig, d. h. zu 100 Prozent! Einzelne Baumarten gelten nach dieser Studie bundesweit sogar bereits als übernutzt. Dem Hinweis, vermehrter Einschlag in den Privatwäldern könnte für eine Kompensation der Holzengpässe sorgen, entgegnet diese Studie mit der ernüchternden Erkenntnis, dass auch in den Privatwäldern bereits 92 Prozent des Zuwachses genutzt werden. Da sind unmissverständliche Fakten.

Dem Wald wird der Boden entzogen

Die Meinung Kuntzes, der deutsche Wald stehe trotz der zunehmenden energiewirtschaftlichen Nutzung nicht vor einem Ausverkauf, ist einerseits richtig: Die nachhaltige Forstwirtschaft in Deutschland und zusätzliche Waldschutzsysteme wie PEFC wachen sorgsam und verlässlich über ihn. Solche  Forstzertifizierungssysteme zur Förderung einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung haben die Standards, um ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen.

Andererseits ist aber aus ökologischen Gründen Obacht geboten: Vor kurzem warnten u.a. die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft der Landesforsten Rheinland-Pfalz ebenso wie der Bodenkundler Professor Axel Göttlein von der TU München vor verarmten Waldböden durch zu viel Holzenergie-Ernte. Mit zunehmender Energieholzernte im Wald sei die Bodenfruchtbarkeit gefährdet. Nur auf sehr wenigen Standorten sei die nachschaffende Kraft des Bodens so groß, dass neben dem Stammholz auch Äste und Zweige entnommen werden könnten. Ohne Böden keine Bäume – die Natur ist kompliziert und einfach zu gleich und nicht zu überlisten.

Marktgesetze oder eher Subventionsverzerrung?

Auch die marktwirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten werden von Kuntze in seinem Kommentar bemüht. Die Pelletindustrie wird zwar nicht in dem Maße subventioniert wie andere Bereiche der Bioenergie. Aber auch sie profitiert von der reduzierten Umsatzsteuer (die Reduktion addiert sich jährlich auf insgesamt 262 Millionen Euro für Pellets, Hackschnitzel und Scheitholz), von der Befreiung von der Ökosteuer und obendrein noch von der Förderung von Öfen durch das Marktanreizprogramm der Bundesregierung. Ökonomen und Ökologen müssen sich gleichermaßen fragen, warum hier Marktkräfte außer Kraft gesetzt werden.

Das nova-Institut kam in einer aktuellen Studie (2010), die von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) finanziert wurde, zu folgenden Ergebnissen: Die hohen Renditen, die bei der energetischen Nutzung infolge der starken Förderung möglich sind, führen zu einem Anstieg der Rohstoff- und Pachtpreise und verdrängen zunehmend andere Nutzungsoptionen, die nur geringere Deckungsbeträge erwirtschaften können. Dadurch kommt es im Agrar- und Forstbereich zu erheblichen Marktverzerrungen und Verschiebungen von Landnutzungen, Kulturen und Rohstoffströmen – und das ohne Überprüfung, ob damit nicht die gewünschten Effekte der Bioenergie-Förderung konterkariert werden. Kritiker sprechen unter Gesichtspunkten wie Klimaschutz und Ressourceneffizienz von einer Ressourcen-Fehlallokation, wenn z.B. stark geförderte Biogasanlagen regional andere Nutzungen verdrängen. Oder  wenn Holz in der Holzwerkstoff- und Papierindustrie knapp und teuer wird, weil sich die energetische Nutzung dank Förderung besser rechnet.

Kaskadennutzung für Holz und ein fairer Markt für Waldbesitzer und Holzwirtschaft

In der Praxis wird dies bedeuten, dass entweder auf die Förderung der energetischen Nutzung von Frischholz verzichtet wird, oder dass zum Ausgleich auch die bislang vernachlässigte stoffliche Nutzung erheblich stärker gefördert werden muss, bis die stoffliche und energetische Nutzung das gleiche Förderniveau erreicht haben. Eine solche Angleichung der Förderhöhen auf Basis einer flächenbezogenen CO2-Äquivalenz-Minderung müsste über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren gestaltet werden, um den Marktteilnehmern ausreichend Spielraum für notwendige Anpassungen an die neuen, dann aber klar kalkulierbaren politischen Leitplanken zu ermöglichen.

Dresdner Resolution für Vernunft und Fairness

Dr. Steffen Körner, Direktor Technik der Glunz AG in Meppen, einem der großen holzverarbeitenden Unternehmen in Deutschland.

Dr. Steffen Körner, Direktor Technik der Glunz AG in Meppen, einem der großen holzverarbeitenden Unternehmen in Deutschland.

„Die Gerechtigkeit auf den Märkten ist aus volkswirtschaftlichen, aber auch betriebswirtschaftlichen Gründen eine Notwendigkeit“, sagt Dr. Steffen Körner, Direktor Technik der Glunz AG in Meppen, einem der großen holzverarbeitenden Unternehmen in Deutschland. Die Sicherheit von über 500 000 Arbeitsplätze, die insgesamt einen Umsatz von über 70 Mrd. Euro erwirtschaften, sind ein starkes Argument, um die Marktbedingungen gerechter zu gestalten. (Zum Vergleich: Die gesamte Bioenergiebranche zählte 2009 lediglich 110 000 Arbeitsplätze mit einem Gesamtumsatz von 11,4 Mrd. Euro). Aus diesem Grund forderte der VHI in Verbund mit dem European Panel Federation auf seiner Mitgliederversammlung 2010 in Dresden die Bundesregierung auf, faire Wettbewerbsbedingungen zwischen stofflicher und energetischer Holzverwendung herzustellen (Dresdner Resolution).

Die Holzbranche ist zuversichtlich, dass in der Politik schlussendlich Vernunft einkehren wird. So meint Dr. Steffen Koerner: „Wenn man Ressourceneffizienz wirklich will, muss man das Holz unserer Wälder zunächst stofflich und erst in einem späteren Schritt energetisch nutzen. An der Kaskade der Nutzung und den Verzicht auf ungleiche steuerliche Behandlungen von stofflicher und energetischer Nutzung führt letztendlich kein Weg vorbei.“

Gemeinsame Interessen bilden den Startpunkt für konstruktiven Dialog

Man muss miteinander statt übereinander reden. Denn an der sicheren Rohstoffversorgung haben auch Unternehmen wie German Pellets ein massives Interesse. Das wurde zuletzt in "enable", dem Unternehmer-Magazin der Financial Times Deutschland, in seiner Ausgabe vom 5.10.2010 bildhaft dargestellt:

Bereits Ende 2007 investiert [Firmenchef] Leibold in zusätzliche Maschinen, mit denen er nun selbst ganze Rundhölzer zu Häckseln und Spänen zerkleinern kann. Seitdem stapeln sich auf dem Werksgelände in Wismar die Baumstämme: "Auf die Idee ist vor uns keiner gekommen, auf diese Weise haben wir uns bei der Rohstoffversorgung rechtzeitig unabhängig von den Sägewerken und ihren konjunkturellen Schwankungen gemacht."

Pelletsverband-Geschäftsführer Martin Bentele kritisierte – wie auch der VHI – auf dem Weihenstephaner Forsttag 2010 die stromgeführten Holzheizkraftwerke. Zuviel Wärme werde in diesen Anlagen in die Luft geblasen. Bentele wörtlich: "Wir dürfen Holz nicht energetisch verschleudern."

Die Initiative „Holz verantwortungsvoll nutzen“ bietet an, gemeinsam Positionspapiere zu erarbeiten, um konstruktiv auf eine Sicherung der Versorgungslage für alle Marktteilnehmer zu fairen Bedingungen hinzuarbeiten.